DAS PANTHEATER iN HASELDORF



14.12.14
Hochverehrtes Publikum!



BLAUBARTS LIEDER

Bela Balasz`s und Bela Bartok`s Oper HERZOG BLAUBARTS BURG
wurde 1918 uraufgeführt, 17 Millionen Menschen hatten sich gerade ermordet.

„Es gibt ein Blaubart-Zimmer in unserer Seele,
in dem die seltsamen Stürme des Ungesagten und Unsagbaren wüten,
dessen Tür man nicht öffnen soll“, erzählt die Oper,
in diesen einen Satz von Maeterlinck zusammengefasst.
Aber Judith, Blaubarts Geliebte, will wissen und öffnet sie.
Da wird es ewig dunkel.



Bild: J.F. Quinque - Plakatgestaltung: M. Leye


Das Ensemble besteht aus 4 jungen Frauen und einem älteren Mann.
Ist er Blaubart? Nein, nein, es ist Michael Leye, der Regisseur.
Und wer sind die Frauen, sind es die Frauen Blaubarts?
Nein, es sind die Opernsängerinnen Charlotte Korthal und Claudia Brandenburger,
die Konzertpianistin Eiko Okuno und die Jazzpianistin Mirjam Keller.

Was wollen sie? Wissen? Jedenfalls wollen sie singen und spielen. Also lasst uns singen und spielen, was wir gerne mögen, sagt der Regisseur.

Einige der schönsten Arien der Operngeschichte von Purcell bis Verdi
und einige der schönsten Lieder der Blues und Rockgeschichte
von Johnson bis Sting erklingen.

Und siehe da, fast alle erzählen von der Liebe und ihrem traurigen Scheitern.
Es gibt immer zu viel Ungesagtes und Unsagbares. Und dann ist Krieg
Blaubart am Anfang und Ende, von “Folgst Du mir, Judith?“ bis „Ewig Nacht.“
Da wissen wir also, dass Liebe scheitern muss.

Wirklich? Muss es am Ende dunkel werden für immer?
Oder haben wir etwas übersehen? Oder nicht verstanden?
Bach vielleicht? Und Beatles?

“Einem jeden wird das zuteil, woran er glaubt.“ (Bulgakow)
Ein rätselhafter Satz der Weltliteratur, bedenkenswert.
Wir freuen uns auf Sie als unser Publikum,
das der Prolog der Oper Beteiligte nennt.



04.03.14
Hochverehrtes Publikum!

Nun ist es schon wieder eine Weile her.
Büro, Behörden, Computer fressen Zeit.
Aber sie waren hier, in Deutschland, die Leute aus Ubungo in Daressalam.
Und es war irgendwie märchenhaft, echt, alle waren verliebt, die Zuschauer, die Kritiker, die Freunde und wir, die vom TSE und die vom PANTHEATER. Auch alle, die in den letzten Jahren dort beim TSE in Ubungo ihr Weltwärtsjahr verbracht hatten, kamen oder reisten uns hinterher, wie Groupies einer Rockband. Beim Finale unserer Tour im großen, prunkprotzigen Festsaal des Hamburger Rathauses anlässlich eines Kongresses zur Partnerschaft mit Afrika gab es standing ovations, obwohl das erste Wort unserer Show als Kommentar zur üblichen Partnerschaftpraxis "Scheiße" ist.

Offensichtlich gibt es eine Diskrepanz zwischen dem Mindsetting der Leute und ihren echten Gefühlen. Journalisten, die kamen und fragten, versuchten oft das Bild des den Afrikanern helfenden Europäers aufrecht zu erhalten, und saßen da wie Kaninchen vor der Schlange. Die jungen Leute aus Afrika waren natürlich gar nicht gefährlich, sondern freundlich und höflich. Die Angst macht der drohende Zusammenbruch des Mindsettings, denke ich.

Mindsetting meint übrigens die Programmierung des Denkens durch zum Beispiel die Massenmedien, die, wenn sie zusammenbricht, das Denken frei lässt um möglicherweise die eigenen Empfindungen zu verstehen.

Und es gibt ja doch interessante Empfindungen bei der Begegnung mit anderen Menschen, auch rätselhafte, und je weiter man kommt, je mehr die Programmierung nachlässt, um so aufregender wird es.

Diese Aufregung kann unter Umständen auch ängstigen, denn sie kann was mit Liebe zu tun haben. Liebe ängstigt alle Ängstlichen, sie verändert.

Angst essen Seele auf (guter, alter Film von Fassbinder)!

Aber wie gesagt, es war in diesen Wochen, als die Leute vom TSE hier waren, so etwas wie Liebe im Spiel. Und es kam mir so vor, als würde das, was wir im Stück behaupten, sich als wahr erweisen. Europa braucht Afrika, es ist da etwas, was uns fehlt… zum Menschsein!


Fotos: Carola Torkler

Aber wahrscheinlich brauchen wir alle anderen Völker, Gattungen und Kulturen, Geschlechter und Ideen, Sprachen und Weltanschauungen. Nicht um alle zu verstehen, das wäre zu viel verlangt, und schon gar nicht, um sie von unserem Rechthaben zu überzeugen. Nein, bitte nicht. Nur um zu wissen, sie sind da und sind anders und gleich zugleich. Und so wie wir sie brauchen, brauchen sie vielleicht auch uns. Oh!

Eigentlich ist man doch wirklich erst vollständig und ganz, wenn man sich als Teil des unbegreiflichen Ganzen begreift, des schwarzen und des gelben, des roten und weißen, des kriechenden und fliegenden, des knochenlosen und des gepanzerten Lebens, der Eier und der Samen, der Blätter, Blüten und Knollen und Pollen, des Windes und des Lichts. Ja. Und alles was ich ignoriere, fehlt mir, alles, was ich vernichte, hinterlässt Leere, die mich umbringt, und der andere, der etwas braucht, bin ich. Aber das schrieb ich im Prinzip ja schon im vorangegangenen Märchen, es geht ja immer um das Gleiche und mindestens ist es doch so:

Wenn man den Anderen nicht touristisch begegnet, oder rein geschäftlich, wenn man mit dem Anderen zum Beispiel über basic needs, also über das, was man wirklich braucht und Kultur, also den Geist in der Materie, verhandelt, kommt Freude auf.

Basic needs und Kultur, man kann den Zusammenhang auch soziokulturell nennen.

Hamburg ist neben Daressalam in Tansania Partnerstadt von verschiedenen auch sehr interessanten anderen Städten in China und Russland, Nicaragua, Japan und anderen fremdartigen Gegenden wie Frankreich und den USA. Wir möchten nach unseren Erfahrungen mit dem TSE in Daressalam auch dort soziokulturelle Projekte kennenlernen und mit dem TSE und untereinander und dem internationalen Publikum bekannt machen und teilhaben, teilnehmen und teilgeben lassen.

Das sind unsere Pläne für die Zukunft.

Nachdem wir, das PANTHEATER, erst einen Ort hatten, um uns zu zeigen, KAMPNAGEL, wir dann die Welt erkundeten, um dann in Deutschland von anderen zu erzählen, das waren die ERKUNDUNGEN, suchen wir jetzt hier und in anderen Ländern und Städten die Bedeutung von zu Hause sein in der Welt - ZU HAUSE, NYUMBANI, EN CASA usw. Und wir möchten gerne Partner sein und haben im Bemühen um das, was wir alle wollen, nämlich das zu bekommen, was wir wirklich brauchen. Auch und besonders brauchen wir bestimmt Kultur, Kunst, Wahrheit, Schönheit, die nach der Theorie avantgardistischer Physiker an der Grenze zwischen Chaos und Ordnung erscheinen. Aber das ist ein anderes, großes Thema.

Auch in diesem Sinne schöne und besonders soziokulturelle Projekte brauchen eine Finanzierung. Also müssen sie von einer Gemeinschaft gewollt werden.

Ziemlich sicher ist bisher nur, dass das TSE aus Daressalam in diesem Herbst wieder nach Deutschland kommt um zusammen mit uns noch einmal das Stück NYUMBANI zu zeigen und alle, die es sehen wollen, sollen kommen, und die die es einladen wollen sollen das bitte organisieren … jetzt, denn Büro, Behörden, Computer fressen Zeit, und dann ist es für das, worum es eigentlich geht, manchmal zu spät.
Text: Michael Leye unterstützt von Paul Buckendahl

PS.:
Dieses neue echte Märchen ist wieder in so fern politisch nicht korrekt, als es gendermäßig, also geschlechtermäßig eigentlich zum Beispiel so heißen müsste:
" … wenn man/frau dem/der anderen nahekommt, dem/der Afrikaner/in oder Japaner/in, dem/der Franzosen/ösin, der/dem Russin/en, usw…Wir fanden das dann nicht hübsch, rein sprachlich. Wir meinem mit man Mensch, mit Mann meinen wir Mann, mit Frau meinen wir Frau, und mit Franzosen meinen wir die Menschen in Frankreich. Sonst ist alles voll korrekt, oder?



12.08.13
Hochverehrtes Publikum!

Im Oktober kommen 7 junge Leute aus Ubungo,
einem Stadtteil in Daressalam, der großen Hafenstadt am Indischen Ozean,
nach Hamburg, der großen Hafenstadt an der Elbe.
In Ubungo  arbeiten sie täglich gemeinsam mit vielen anderen,
auf einem Hinterhof unter freiem Himmel an Theaterstücken, Musik und Tanz.
Der Hinterhof und das kleine Gebäude mit dem Büro und einem Computerraum
nennt sich TSE – TALENT SEARCH AND EMPOWERMENT.
Es haben sich dort Talente voller Kraft, Intelligenz, Können und Inspiration gesucht
und gefunden und stärken sich und andere – sie machen diesem Namen alle Ehre.

In Zusammenarbeit mit der FLY SOCIETY , einer Truppe von jungen Hamburger Freerunnern, Tänzern und Schauspielern und dem PANTHEATER zeigen sie

NYUMBANI
Zu Hause
Eine Musik – Theater – Video - Show

Zu Hause in Daressalam und Hamburg,
in Tansania und in Deutschland,
zu Hause in einer globalisierten Welt.




Fotos für die Presse

Hamburg und Daressalam sind Partnerstädte.
„ Partnerstadt“ ist erstmal nur ein Label, gut vielleicht für die Werbung.
Einige wenige Akteure mit wenigen Mitteln versuchen, diese Idee einer Partnerschaft mit Leben zu füllen. Die Senatskanzlei Hamburg regte das Pantheater an, sich daran zu beteiligen.
Wir begannen zu arbeiten, die Aufgabe war herausfordernd.
Und mit der Unterstützung von KAWAIDA, einem Verein, der im Rahmen des Weltwärts-Programms der „Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ junge Deutsche in Projekte nach Tansania schickt, lernten wir schließlich die Leute vom TSE kennen, als wir im März dieses Jahres nach Daressalam reisten. Und wir beschlossen unsere Zusammenarbeit.

Es braucht vieles, um so ein Projekt auf die Beine zu stellen, viel Zeit, viel Herz und Hirn, viel Organisation und Vertrauen, viel Akquise für zu wenig Finanzierung, Reisen hin und her, Hunderte von Mails oft in fremder Sprache, viele Diskussionen und Proben, viele Stunden an immer wieder versagenden Computern, um Filme zu kreieren. Viele Missverständnisse müssen geklärt werden, viel Unverständnis muss ertragen werden, das der Anderen und das Eigene. Und doch haben wir uns nun alle soweit verstanden, dass die erste einer Reihe von gemeinsamen Theater – Musik- und Video -Shows, die wir in den nächsten Jahren planen, in diesem Herbst erst in Tansania und dann in Deutschland gezeigt wird.

Hiermit entschuldigen wir uns übrigens auch für die lange Sendepause auf unserer Homepage, über die sich schon beschwert wurde, und bitten um Verständnis.

Wir laden Sie nun wieder ein zu einer unserer Veranstaltungen zu kommen und zu erleben, was wir an Unterhaltsamen, Informativem und Poetischem zu einer Show zusammenstellten.

Vielleicht werden sie dann auch etwas zum Verständnis dessen beitragen können, was eigentlich Partnerschaft bedeutet. Den vorläufigen Stand unserer Einsichten und das darin enthaltene echte Märchen fassen wir hier kurz so zusammen:

Viele Afrika reisende berichten von der Lebensfreude der Afrikaner, die trotz widrigster Umstände lachen und scherzen oder gar singen und tanzen. Das stecke ihnen wohl im Blut. Dies ist eine Beschreibung, die den Europäer vor der Erkenntnis eines eigenen Defizites schützt.

Es ist unserem Eindruck nach nämlich Würde, die sich im Lachen und der Freundlichkeit der Schwerarbeitenden ausdrückt, ein Gefühl für die Gemeinschaft der Menschen, die den Jammer des Einzelnen aufhebt im kollektiven Bewusstsein vom Leiden der Menschheit. Dieses Gefühl für die Gemeinschaft der Menschen fehlt dem heutigen Europäer normalerweise. Er jammert und beschwert sich über sein persönliches Leben, gewöhnt sich an Attitüden und Muster, die nicht seine sind, aber eine Gemeinschaft im globalen Konsum suggerieren, und fühlt sich schlecht dabei, er verliert sein Selbst und seine Würde. Er bezahlt Kurse und Coachs und lächelt sich selbst aufmunternd im Spiegel an. Neben Kursen, Coachs und Burnoutbehandlungen kann dann auch eine Reise nach Afrika therapeutisch wirken. Er tankt dort Lebenskraft.
Was gibt er?

Da der Mehrheit der Afrikaner ja so sehr vieles fehlt, was in Europa Lebensinhalt ist - viel Tand und Schädliches, doch auch manches dem Menschen sehr Nützliches - der Europäer aber bei aller Partnerschaft nicht wirklich teilen möchte, nein, das möchte er nicht, er aber doch irgendwie dieses lästige schlechte Gewissen hat, weil ihm von Kolonialismus und gewaltsamer Aneignung von fremden Gütern erzählt wird, spendet er ein wenig.

In Afrika, so habe ich es beobachtet, entlädt und entsorgt man dann klaglos einen ganzen Container voller Elektromüll, der nicht als Müll deklariert wurde sondern - in dem Wahn zu helfen - als Spende. Man fühlt dabei die Not und Hilfsbedürftigkeit der Europäer, aber man behandelt sie diskret.

Nur der afrikanische Wirtschaftsexperte erklärt uns streng, dass für jeden Euro, der als Hilfe nach Afrika fließt, wenigsten zwei zurück nach Europa fließen, und der Minister des oben genannten Bundesministeriums bestätigt 1 Euro 50. Denn wer einmal die Übermacht des Geldes in großem Umfang eroberte, was immer auf unlauteren oder absurden Wegen geschieht, wird immer mehr davon anhäufen, das ist der eskalierende Kapitalismus, die Krebserkrankung eines Systems, wie eine fehlgeschaltete Ampel, die ständig Unfälle verursacht.

Und nun das echte Märchen, so geschehen im März 2013:
Eine Massai-Frau, die am Rand der Mandela Road in Daressalam Schmuck verkauft, erfüllt mir einen Traum. Sie macht mich erwachsen. Von der Hoheit ihrer königlichen Würde aus, die sie vielleicht erwarb im wirklichen Umgang mit einem echten Leben, erkennt sie in mir den muzungo, den Weißen, der sich nicht wohl fühlt in seiner Haut, die nach Geld stinkt, der nicht wirklich weiß, wohin mit seinem Bauch und seiner Kamera, mit der er das Leben fotografieren will - der aus zweiter Hand lebt. In ihrem wissenden Lachen und in ihrem offenen Blick liegt die Ermutigung, mich ebenso königlich zu fühlen wie sie. Woher nimmt sie diese Güte? Woher weiß sie, dass auch ich ein König bin, wie jeder andere Mensch? Ich werde froh und denke, dass ich vielleicht fotografieren darf, um zu berichten, wenn ich bedenke, was ich berichte.
Und ich denke: Begegne dem anderen mit Interesse für sein Wesen. Es ist nicht einfach gleich, wie dumme Lieder von Schwarzen und Weißen, von Frauen und Männern, von Reichen und Armen behaupten. Der Andere ist immer auch ganz anders, ein Abenteuer, und wohl auch gleich, es liegt an der Perspektive, erkenne ihn, es ist nicht einfach, erkenne etwas, erkenne den Reichtum und die Armut jedes Einzelnen und halte für möglich, dass Du erkannt wirst. Dann wird es Dir leicht fallen zu teilen, denn was Du teilst, teilt der andere mit Dir.

Und so finden wir auch eine erste Antwort auf die Frage: Wo ist Zuhause? Die Leute von der FLY SOCIETY hatten sie in ihrem explosiven Tanzspektakel „Das Leben kennt mich“ gefunden: Heimat ist da, wo ich ein Teil des Ganzen bin. Weitere Vorschläge für Antworten entwickelt unsere gemeinsame Produktion NYUMBANI.






PS. Übrigens arbeiten wir parallel an unserem Dokumentarfilm DER ROTE FADEN. Dieser Film wird eine Collage aus Dokumenten der Reisen und der Theaterproduktionen des Pantheaters, die sich ordnet um die Fragen: Was ist entwicklungspolitische Bildungsarbeit? Was ist Entwicklungspolitik? Was ist Entwicklung? Die teils überraschenden und vergnüglichen Assoziationen, die aus der Anordnung folgen, werden zusammen mit den Interviews mit kompetenten Akteuren der Szene ein komplexes, aufschlussreiches und unterhaltsames Gesamtbild ergeben.



28.05.12
Hochverehrtes Publikum!

Wir bereiten neue Projekte vor - Theater, Filme, Lesungen, Musik - über besondere und seltsame und normale Menschen, über Städte wie Dar es Salaam und Hamburg, über die Frage, wo ein Mensch zuhause ist in einer global kommerzialisierten Welt und wohin er sich sehnt.

Robinson Crusoe verschlug bekanntlich ein Unglück auf eine einsame Insel, bis er nach vielen Jahren gerettet wurde und wieder nach Hause konnte - in die Zivilisation. Im Alter glaubt er dann plötzlich zu erkennen, dass diese Insel sein eigentliches Zuhause war und er will dorthin zurück. Aber er findet diese Insel nicht wieder.

Wir waren auch weg. Aber nur kurz, sehr kurz. 10 Tage lang Marokko. Spottbillig. Peinlich, das macht man nicht. Das ist gegen unsere Überzeugung und gegen die berechtigten Einwände unserer Freunde von Greenpeace, das ist unökologisch, das ist Kommerzscheiße. Haben wir aber trotzdem gemacht…..Hier nun ein kurzer Bericht voller Touristenklischees, in dem aber doch ein echtes Märchen steckt.

Schon im Flugzeug gibt man sich locker und ist schmerzfrei, wie die Stewardess sagte, auf Wunsch werden die Fußballergebnisse durchgesagt. Dann im Süden Marokkos, wo wir waren, hält sich der Massentourismus in angenehmen Grenzen, die Strände sind überwältigend schön, das Meer ist blau und mächtig, die Berge leuchten rot im Sonnenuntergang. Es fahren vergleichsweise wenige Autos, man sieht auch noch Leute auf Eseln reiten und einsam träumende Ziegen- und Schafhirten in der steinig kargen Landschaft, eine Tagesreise weiter beginnt die Sahara.

Die Einheimischen sind freundlich, sprechen neben Berberisch und Arabisch auch Französisch, viele Englisch, manche Deutsch oder Spanisch. Die Männer tragen Burnusse oder Kaftane, manche mit seltsamen Zipfelkapuzen, oder Anzüge oder Jeans und Hemden und Hüte oder Baseballkappen. Die Frauen sind in bunte Tücher gewickelt, manchmal zeigen sie ihr Gesicht, manchmal nicht, manche tragen Burkas, die nur die Augen oder die Brille der Frau sehen lassen, andere tragen Jeans und Tops. Der Gedanke daran, dass man in Frankreich die Polizei ruft, wenn eine Frau eine Burka trägt und in Deutschland Lehrerinnen keine Kopftücher tragen sollen, lässt plötzlich erschaudern. Ist das nicht schon paranoid? Alles scheint dort in diesem Marokko, wo wir kurz waren, möglich zu sein, erscheint bunt und tolerant und sehr friedfertig. Die Frauen wirken selbstbewusst, mit offenem Blick auch aus dem Burkaschlitz, wirken bei sich, im Gegensatz zu den meisten Europäerinnen, die eher immer außer sich wirken. Die Männer wirken sanft und sicher, im Gegensatz zu den meisten Europäern, die irgendwie immer irgendeine Behauptung von sich demonstrieren. Diese Souveränität der marokkanischen Frauen und Männern erlaubt Ihnen, spontane Gefühle oder Einfälle ohne Umschweife und Verstellung auszudrücken, was irgendwie fantastisch ist. Jedenfalls gehen Männer und Frauen in Deutschland dafür in Theaterkurse, um auf diesem Umwege das Fantastische am Natürlichen wieder zu entdecken, meist ohne Erfolg. Es gibt da ein Geheimnis zu erkunden in Marokko, etwas, das wirklich anders ist als in Deutschland.




Fünfmal am Tag ruft der Muezzin. Der Ruf des Muezzin weckt eine Vorstellung vom alten Marokko vor der Kolonialisierung, als der Europäer dort ein Reisender war, der Menschen begegnete, die in einer unendlichen steinigen Weite lebten, am unendlich anrollenden Meer, in einer großen Stille, die die Rufe der Esel und Kamele und der Gesang der Vögel in den Gärten der Oasen bestätigten. Die Städte waren gebaut in den Farben der Landschaft, die gemalten Farben und bunten Mosaike darin: Kunst. Die Gemeinschaft der Menschen feierte sich in Liedern und Tänzen und im Gespräch beim Teetrinken, die Kriege waren hart und grausam, aber Mann gegen Mann, die Liebe war sehnsüchtig und leidenschaftlich, aber sie hatte einen Rahmen. Das Rätsel des Seins in der Welt, das unerklärliche, schreckliche, wunderbare Sein im Licht der Tage und in der Dunkelheit der Nächte, hatte seinen menschlichen Ausdruck im Gebet. Gott ist groß, singt der Muezzin fünfmal am Tag.

Diese Vorstellung ist natürlich falsch, ein Klischee, jedenfalls ungenügend. Und „Gott ist groß“ meint für den gemeinen atheistischen Touristen ja nur, dass Vieles dieser Welt und des Alls noch unerklärlich ist und für den vollends dem mechanischen Weltbild Verfallenen nur einen altmodischen Ausdruck von Unwissenheit, die sein Erklärungssystem weitgehend behoben hat, das auch die Reste des Unbekannten bald beseitigen wird.

Aber warum hat dann dieser Tourist schon gleich bei der Rückkehr Sehnsucht nach der nächsten Reise „ in die Sonne“, wie er es nennt. Warum empfindet er seine Welt voller Maschinen und überdimensionierter Strassen, voller Beleuchtung, die ihm das Sternenlicht verdunkelt, die Unmenge Schilder, die Masse der individuellen Einzelhäuser aus dem Katalog und die postmoderne Stillosigkeit der Städte, die in Rechtecke zergliederte Landschaft, seine zur Beziehungen verkommene Liebe zu anderen Menschen, seine zur Freizeitbeschäftigung verkommene Erotik in der allgemeinen kommerzialisierten Pornographie der Werbung und der ebensolchen anderen Medien, seine permanente Beschäftigung mit sich selbst… als trostlos?

In einem ansonsten sehr bemüht witzigen Reiseführer stand bemerkenswerter weise, dass der Marokkaner im Allgemeinen die technologische Überlegenheit Europas anerkennt, den Europäer aber sonst eher für dumm hält. Nachgefragt bestritten dies die höflichen Marokkaner selbstverständlich, die Ahnung aber, dass sie dieses vielleicht doch denken und damit recht hätten, erleichterte uns irgendwie, als fielen die Mühen der Verstellung von uns ab.

Möglicherweise ist ja der gemeine Marokkaner deshalb klüger als der gemeine Deutsche, weil er fünfmal täglich daran erinnert wird, dass Gott groß ist. Alle, die bei dem Wort „Gott“ Pickel kriegen, könnten sich, wenn sie wollen, dieses Wort leicht als die Ideen und die Gefühle übersetzen, die in jeder Pflanze und in jedem Tier und in jedem Menschen stecken. Dieses Bewusstsein von einer Idee und einer Empfindung, die größer ist als jede Meinung, schafft Gemeinschaft, eine weite, großzügige Gemeinschaft, die Luft lässt zum Atmen, anders, als die Masse derer, die fünfmal täglich über Börsenkurse informiert wird und so unbewusst ihr Gebet verrichtet: Großer unbegreiflicher Dax, der Du mein Leben definierst, gib mir was ab, mir, mir….

PS. Irgendwie fantastisch ist aber auch, dass ein Flugzeug aus Europa nach Marokko fliegt, das die Energie, die es zum Fliegen braucht, aus reinem Licht erhält, eine Idee, die bisher nur die Pflanzen verwirklichten. Und so steckt dann doch in jeder Kultur märchenhaftes. Das Wesen des Lichts, seine Natur, bleibt dem Menschen rätselhaft, aber er kann sich ihm nähern, auf geistigen und technologischen Wegen. Das echte Märchen ist universell.








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